Wildhüter St. Hubertus e.V.
Der alte Wildhüter und die Jagd
50 Jahre hat er das Gemeinderevier betreut, hier wurde er geboren. Sein Lebensraum, 80 Jahre lang, war nur durch die Kriegsereignisse und sein Soldatsein unterbrochen.
„Es ist schon ein Glück,“ sagt der Sepp und schiebt seine Pfeife in einen anderen Mundwinkel, „es ist schon ein Glück, ein Leben lang in der Natur verbracht zu haben, an ein und demselben Platz." Sein Blick geht weit über sein Revier bis zu den angrenzenden Tiroler Bergen. In seiner Jugend konnte man vom Dorf aus Reh-, Rot- und Gamswild beobachten, wo heute die Lifte und neue Siedlungen stehen. Beim Pilze- und Beerensammeln polterte oft ein Auerhahn vor ihm ab. Wenn die Jäger in dem Gasthaus saßen setzte er sich hinter sie und hörte ihren wahren und unwahren Geschichten zu. Er glaubte ihnen alles und wusste nichts von Jägerlatein. Die Jäger waren eine eigene Kaste und sein sehnlichster Wunsch war, einmal zu ihnen zu gehören.
Die erste „Trophäe“ war eine gekaufte. Die Schafhirten brachten sie mit, wenn sie von der Sommerweide kamen, einen Adlerflaum für 50 Pfennig. Niemand fragte nach der Herkunft der Federn; man fragte wohl zum Almabtrieb nach fehlenden Lämmern. Lob und Anerkennung erfuhr der Senner, wenn kein Schaf abgestürzt und kein Lamm vom Adler gegriffen war. Der Senner nannte ihn einen „Jägerburschen“ mit gerade einmal neun Jahren und schenkte ihm eine Schwungfeder dazu.
Die Jägerprüfung hat er nicht als sehr schwer in Erinnerung. Er war in der Natur aufgewachsen mit wachen Augen hatte er alles selbst erfahren. Das Wissen und die Theorie der Jäger sei heute sehr groß, doch habe er den Eindruck, dass sie das Wissen noch nie in Händen hatten.
Als ihm der Jagdschutz übertragen wurde, musste mit hohem Arbeitseinsatz in steilen Hanglagen Gras gemäht und Heu eingebracht werden für die Winterfütterung. Es war undenkbar, dass jemals am Futterplatz ein Schuss gefallen wäre.
Mit Raubwildbälgen und Prämien besserte er seinen Lohn auf, bezahlte seine Jagdausrüstung. Das erste Stück Schalenwild, einen Knopfer, bekam er nach mehreren Jahren frei. Einige hundert Stück Raubwild und Raubzeug hatte er bis dahin schon zur Strecke gebracht, nicht nur wegen des Geldes sondern vor allem wegen der Hahnen.
Die weiten Feuchtwiesen im Revier, in denen im Frühjahr die Birkhähne kullerten und die Bekassinen im Zick-Zack-Flug abstrichen wurden in den letzten Jahren von der EU zu einem „Wiesenbrüterprogramm“ mit hohen Zuschüssen erklärt.
Die charakteristischen Wiesenbrüter sind verschwunden, es tummeln sich die Krähen und Elstern. Ein landschaftlicher Juwel wurde zum Jagdgebiet von Raubwild und streunenden Katzen und zum Hundeauslauf. Die Jäger haben nach vielen Einschränkungen das Interesse an diesem Revierteil verloren und pirschen lieber auf Schalenwild.
Seine ganzen Sorgen um die Entwicklung seines Revieres konnte er weder in seinem Hegering noch im Tierschutzverein anbringen, den er vor vielen Jahrzehnten mitgegründet hatte. Zu den Tierschützern geht er nur noch unregelmäßig. Zu oft hat er sich mit Ihnen gestritten und ihnen vorgeworfen, dass sie am Verfall der Balgpreise beteiligt seien, Pelzträger an den Pranger stellten. Mit den Raubwildbälgen hatte er nicht nur seinen Lohn aufgebessert sondern für ein rechtes Verhältnis zwischen Raubwild und Friedwild gesorgt.

Mutig wer er, der alte Mann. Er hatte manchen Wilddieb gegriffen und ein Leben lang für das Wild gearbeitet, in den letzten Jahren nur noch erfolglos für sein Wild gestritten. Bis zum Jägerpräsidenten und zuständigen Umweltminister hatte er sich vorgearbeitet um seine Sorgen für das Wild aus der Sicht eines heimatverbundenen Aufsichtsjägers los zu werden, doch er scheiterte bereits an der Vorzimmerdame. Wo die großen Fäden gezogen werden, wo nur noch wissenschaftlich mit dem Wild abgerechnet wird von hoch gebildeten „Persönlichkeiten“, die noch nie einen Marder gefangen, eine Winterfütterung bei hohen Schneelagen beschickt und noch keinen Auerhahn verhört haben, bei diesem Personenkreis ist kein Platz für Argumente eines einfachen Wildhüters. Langsam zieht er sich zurück aus seinem Jägerleben. Als er von einer nachwachsenden, jüngeren Jägergeneration zum Geburtstag eine „Weitstrahlerlampe“ geschenkt bekam – man braucht heute so etwas bei der Jagd, so der Hinweis – hat er die Annahme verweigert. Nein, auch wenn seine Augen schlechter geworden sind, er braucht solche Hilfsmittel nicht zum Jagen.
Wildhüter Sepp Bauer
Es sind mehr Spaziergänge, weniger Reviergänge, die er mit seinem schon älteren, aber noch wildpassionierten Jagdterrier macht. Gerne fährter ab und an zu den Jagdnachbarn auf der tiroler Seite. Das Wild und die Jagd haben dort noch einen höheren Stellenwert. „Ist die Jagd für Dich vorbei?" frag ich ihn. Gesund sei er noch mit seinen 80 Jahren, und drahtig, und am Berg würde er noch manchem Jüngeren davonlaufen. Er beginnt sich von der Jagd zu verabschieden, es sei nicht mehr seine Jagd, für die er ein Leben lang gearbeitet habe. Kenntnisreich und erfahren versteht er vieles an der Entwicklung nicht mehr. Ein Wildhüter alter Prägung, der seine Waffe nicht mehr aus dem Schrank holt, wird die Jägerwelt nicht aufhorchen lassen. Ärmer wird sie schon, die neue Jagd.
Hoffen wir, dass in den nächsten hundert Jahren, in den Stuben weiter Kinder den Jägergeschichten zuhören, so wie der Sepp in seiner Jugend auf der Ofenbank mit roten Wangen, grünem Hut, besser ohne Adlerflaum für 5o Pfennige, weil das gegen bestehende Gesetze verstoßen würde.
Wildmeister DIETER BERTRAM
