Wildhüter St. Hubertus e.V.
Friedrich
Erstmalig in einem Jagdhaus ließen die Besuchskinder keinen Zweifel daran, was sie von Jagd und Jägern hielten – „ätzend“.
Es lag nicht in meiner Absicht, schulmeisterhafte Erklärungen abzugeben. Den 8 bis 15 jährigen Jungen und Mädchen und auch mir bereitete es zunächst einmal Freude, die Klingen zu kreuzen, zu streiten über die Sinnhaftigkeit der Jagd. Obwohl sie auf dem Land lebten, waren ihre Erfahrungen über die Jagd mangelhaft, sie waren einfach dagegen.
Einem Jägervertreter sind sie begegnet im Schulunterricht, der mit präparierten Tieren und bunten Blättern die Eintönigkeit vom Lernen unterbrach. Die Ausführungen waren besser als Mathe, aber für die Jagd war niemand zu gewinnen.
Zur allgemeinen Erheiterung stritten wir weiter. Meine vermeintlich besseren Argumente, die ihre jagdfeindlichen Thesen entkräften sollten, nutzten vorerst nichts.
Ich nahm Hund und Waffe und ging in's Revier. Mit „Hallo" wurde ich drei Stunden später empfangen, ob ich denn wieder ein Bambi gemordet hätte? Ja natürlich, ich zeig es euch im Auto. Zu ihrem Erstaunen lag hier ein gefüllter Müllsack von den erholungssuchenden Naturfreunden.
Ein neuer Blickwinkel für meine jungen Freunde. Zum Abendessen gab es Reh, es überraschte alle, was in die Bäuche an Wildbraten hineinging. „Köstlich!" Ich konnte es nicht unterlassen, wieder zu sticheln über die Inkonsequenz meiner kleinen Jagdkritiker.
Die Jagd wurde relativiert, man habe nichts dagegen, hielt sie für notwendig, doch Freude dabei zu empfinden, Tiere zu töten, sei grässlich.
Meine kleinen „Jagdfreunde" begannen mich öfter zu besuchen als mir lieb war, die Mittagsruhe war meistens hin. Mein Lebensumfeld aus Natur und Haustieren weckte mehr und mehr das Interesse. Das Abfragen nach den verschiedenen Raubwildbälgen und Schädeln besorgten sie inzwischen untereinander, halfen die Zwinger reinigen, die Pferde und das Wild füttern.
Unverständlich war ihnen zur Zeit noch mein abendlicher Reviergang und Ansitz, ohne die Absicht etwas zu schießen. Friedrich, der Neunjährige besuchte mich inzwischen jeden zweiten Tag. Mit dem Fahrrad brachte er bei hochrotem Kopf die 10 Kilometer hinter sich, obwohl es bei uns keine Rehmahlzeiten, keine Kinderprogramme gab, sondern nur Jagdbetriebsalltag. Selbstverständlich geht inzwischen Friedrich abends mit zum Ansitz.Ein altes Fernglas hat er von mir bekommen und wie selbstverständlich achtet seine Mutter auf gutes Schuhwerk und warme Sachen. Friedrich fragt nicht mehr beim Ansitz bei jedem Stück Wild, das austritt, warum ich nicht schieße. Er kennt die Schonzeiten und gibt seinen Geschwistern „Naturunterricht," die ihn verlachen, wegen seines neuen, trachtigen Erscheinungsbildes.
Auf dem Hochsitz fragte er, ob er mich wohl duzen dürfte und dass er zum frühesten Termin, mit 16 Jahren, die Jägerprüfung ablegen möchte. Wir kannten uns inzwischen so gut, dass wir nicht nur über Wild und Jagd sprachen, er gestand mir seine schulischen Schwächen in der Rechtschreibung und im Lesen ein. Nach einem halben Jahr trat eine deutliche Besserung ein, wie die Mutter mir erklärte. Sie kannte meine Ratschläge an Friedrich nicht, dass ein Jäger ein gutes Auge, stark und wetterfest, aber auch gut schreiben und lesen müsse. Die entsprechende Literatur hatte er von mir erhalten und büffelte in jeder freien Minute.
Zum Geburtstag gratulierte Friedrich mit einem Bild aus meinem Revier. Als er mir im Hinblick auf seine Jägerlaufbahn erklärte, er würde später nur behinderte Hasen schießen, unterdrückte ich mir mit großer Mühe das Lachen. Ob ich wohl etwas falsch erklärt hatte?
Ich denke, dass mein kleiner Freund auf dem richtigen Weg ist. Die Jagd von morgen stellt die Interessen der Wildtiere über die Interessen der Jäger, der sich als Anwalt des Wildes versteht. Bei einer kämpferischen nachwachsenden Jägergeneration brauchen wir uns um die Zukunft der Jagd nicht zu sorgen.
Die Erlebnisse mit meinen jugendlichen Jagdkritikern zeigten aber zugleich auf, wie man sie für die Jagd, als gehobenem Naturerlebnis, gewinnen kann.
Erst das Kennenlernen der Natur, der Wildtiere und ihrer Lebensansprüche ist der Wegbereiter für die Jagd.
Wildmeister DIETER BERTRAM
