Wildhüter St. Hubertus e.V.
Gebet eines Jägers gesetzten Alters
Lieber Hubertus, du gestattest mir sicher, mit dieser freundschaftlichen, doch keinesfalls respektlosen Anrede zu beginnen. Du siehst mich im Wald sitzen, und damit ist nach meiner unmaßgeblichen Ansicht legitimiert, meine grünen Gedanken durch die grünen Kronen der Fichten als Gebet zu dir zu schicken mit dem bescheidenen Ansinnen, dein Möglichstes beim lieben Gott als verständnisvoller Fürsprecher für mich zu tun. Würde ich diese Andacht in einer Kirche halten, wäre wohl der direkte Weg zur höchsten Instanz angebracht. So aber scheint mir deine Person als Mittler nicht nur angenehm, sondern unbedingt notwendig zu sein weil ich mit dir ohne große Worte von Jäger zu Jäger reden kann. Auch wirst du über Banalitäten in meinem Gebet bestimmt nicht lachen, die, in der Erhabenheit eines Domes vorgebracht, dessen Steine zum Knistern bringen würden. So aber bete ich draußen und da fällt es mir auch wesentlich leichter. Ich will also vertrauensvoll beginnen.
Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter werde. Älter und dümmer, wie das auch der Leibjäger vom Prinzregent Luitpold einmal festgestellt hat. Natürlich kennst du meinen letzten Tag und die Umstände, die mit ihm verbunden sein werden. Nein, nein ich will nichts wissen davon ! Aber schau, es ist schon mein sehnlichster Wunsch, dass es mich überrascht wie der Schocktod das Wild. Mitten herausgeholt aus dem Leben, ahnungslos, durch ein gnadenvolles und schmerzloses Dunkel hinüber geleitet werden zum erlösenden Licht. Sollte es mir aber anders bestimmt sein, so lass mich nicht allzu lang leiden und über die Erfüllung meines Lebens als Waidwunder nachgrübeln. Du weißt, ich mühe mich redlich, weder Menschen noch Tieren irgendwelche Leiden zuzufügen. Du weißt wie ich das meine.
Vielleicht unterläuft mir einmal ein grober, ich sage ausdrücklich grober Schnitzer. Er wird mir leid tun, und ich werde ihn, wie auch schon früher, gutzumachen versuchen. Tadele mich nicht , wenn ich den Ernst dieses Versprechens, du hast dies natürlich längst im dunkelsten Winkel meiner Seele entdeckt, bei manchen Menschen vielleicht nicht ganz so genau nehme. Bei der Kreatur jedoch ist er mir heilig!
Bewahre mich, damit wir weiterkommen im Gebet, vor der so schmerzhaften Einbildung, zu jedem Thema und zu allen Gelegenheiten etwas sagen zu müssen. Gib mir die Kraft, milde lächelnd zuhören zu können ..... entschuldige, ich nehme nur mal das Glas ... aha, Geiß mit zwei Kitzen ... erlöse mich von der unseligen Leidenschaft, ordnend in die Angelegenheiten anderer eingreifen zu wollen. Erlöse mich auch von dem Wahn, meine angesammelte altersbedingte Weisheit weitergeben zu müssen, denn ich möchte mir wenigstens einen kleinen Kreis wirklicher Freunde erhalten. Lehre mich auch einzusehen, lieber Hubertus, dass ein Jäger nicht hundert Gewehre und die modernsten Kaliber braucht und ob solcher Ausgaben das Wohl der Familie vernachlässigt. Mache mir begreiflich, dass eine Waffe ( allenfalls zwei, vielleicht noch eine dritte ) zum Jagern genügt. Ich wage fast nicht, mir die Gabe zu erflehen, bis zur letzten Stunde auf dieser Welt wirkliche Jagdpassion haben zu dürfen! Verschone mich, damit geschlagen zu sein, das Waidwerk als Gewohnheit als eitlen Selbstzweck, des schnöden Mammons wegen, als grüne Maskerade oder gar nur als Renommierpflichtübung auf dem Großstadtparkett erfüllen zu müssen. Lass mich die grüne Praxis passioniert bis zum Schluss auskosten! Lehre mich, Bruder Hubertus, auch weiterhin nachdenklich zu sein, aber nicht grüblerisch, hilfreich aber nicht aufdringlich, bestimmt aber nicht diktatorisch . Führe mich zu der wunderbaren Einsicht, dass ich mich irren kann. Und gib mir die Weisheit, mit Bescheidenheit zur Kenntnis zu nehmen, dass meine Meinung nicht immer mit der eines anderen übereinstimmt .
Noch einen letzten Wunsch habe ich, obwohl ich allmählich fast meine, dass diese Zwiesprache mehr das Aushändigen einer Wunschliste für Weihnachten ist als ein Gebet . Also einen letzten Wunsch habe ich noch:
Erhalte mich so lange wie möglich liebenswert und so liebenswert wie möglich. Mit diesem Wissen bin ich ein glücklicher und zufriedener Mensch und Jäger bis ans Ende meiner Tage !
Amen
