Wildhüter St. Hubertus e.V.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Dreißig Jahre und nahezu andächtig hören Jäger der Jagdwissenschaft zu über den Rückgang des Niederwildes.
Nach der Frühjahrs-Schlechtwetter-Hypothese der letzten Jahrzehnte folgte die Fuchs-Hypothese, neuerdings die Bejagungsfehler-Hypothese.

Nach Ultraschalluntersuchung ist der Hase eigentlich ganz gesund, nur kommt er immer seltener vor. Nach dem Rebhuhn kürte man ihn zum Tier des Jahres, doch auch das hat ihm nicht geholfen. Die bereits vor Jahrzehnten von Berufsjägern praktizierten Scheinwerferzählungen vor den Treibjagden sind zu einer Wissenschaft erhoben worden.
Der verantwortungsvolle Revierinhaber, der seinen Hasen eigentlich schon Jahre nicht mehr bejagen mag, weil er auf 80% seiner ehemaligen Vorkommensgebiete in die Bedeutungslosigkeit übergegangen ist, gewinnt den Eindruck, dass nicht der Hase sondern die Jagdwissenschaft sich in der Prädatorenfalle befindet.
Chemische Industrie und Landwirtschaft haben viel Freude an der Wildforschung der Jäger, bleiben sie doch selbst aus dem Kreuzfeuer heraus.
Ob eine Wissenschaft, die den wahren Ursachen nicht nachgehen mag, wegen möglicher Interessenüberschneidung der Auftraggeber, ob diese Wissenschaft in ihrer Glaubwürdigkeit noch lange Bestand haben wird, muss bezweifelt werden.
So kann weiter gemäht, gemulcht, gefräst, gedüngt, gespritzt werden, bis zu zehn Arbeitsgänge hat das Jungwild über sich ergehen zu lassen und wird schon die erste Gülledusche, die mit Medikamenten und Krankheitskeimen durchsetzt ist, nicht überstehen.
Wo soll in einer ausgeräumten Landschaft die Häsin einen Platz für ihren Nachwuchs finden, der nicht mechanisch zerstört auf großer Fläche nur noch eine Wirtschaftspflanze wachsen lässt?
Den Rest an Jungwild, leicht zu finden, wie auf dem Präsentierteller, teilen sich ein Millionenheer von Krähen, Elstern, Katzen und Füchsen. Da bleibt nicht mehr viel zu ernten für den Jäger, weil die großflächige Regulierung von Beutegreifern durch den nicht hauptberuflichen Jäger nicht stattfindet, mag noch so viel Druckerschwärze dafür verwendet werden.
Der letzte Junghase mag von einem Fuchs gefressen werden, weil die Häsin keinen gut geschützten Platz für ihren Nachwuchs gefunden hat.
Mit der Parole “Haltet den Dieb” den Fuchs als Verursacher verantwortlich zu machen in einer, für Wildtiere lebensfeindlichen Landschaft, hiermit wird man dem Raubwild und Friedwild nicht gerecht.
Ich habe in der Vergangenheit Spitzenniederwildreviere aufgebaut nach der klassischen Hege mit aufwendiger Lebensraumgestaltung sowie scharfer Raubwild- und Raubzeugbejagung.
Die Erfolge würden im gleichen Revier mit gleichem Einsatz heute ausbleiben, weil die Bedingungen nicht mehr stimmen.
Der Jäger kann begleiten, unter guten Voraussetzungen lenken und steuern, doch die Lebensgrundlage muss von der Natur gestellt werden.
Punktuell gute oder auch sich verbessernde Niederwildbesätze ändern daran nichts.
Die Agrarwende muss nicht neu erfunden werden, sie kann auf altenativen Ansätzen aufbauen zum Segen von Mensch und Tier. Ein landwirtschaftlicher Industriebetrieb, der mit seinen Abwässern aus der Intensivtierhaltung das Grundwasser belastet, der auf seinen Wirtschaftsflächen keinen Vogel mehr brüten, kein Insekt mehr leben lässt, der mit ökologisch wertlosen riesigen Mais- und Rapsmonokulturen die Landschaft gestaltet, dieser Betrieb müsste anders gestellt sein als ein Bauer, der mit seinen Wiesen und Feldern ökologisch sinnvoll umgeht.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Darum habe ich die Hoffnung, dass der wirtschaftende Mensch bei allem Nützlichkeitsdenken Achtung vor der Natur, vor dem Wildtier behält.
Ich hätte eine Vision, dass Landwirtschaftsminister der Zukunft auch einen Amtseid auf die Unversehrtheit von Wildtieren in der Agrarlandschaft leisten würden.

Zwei “Gespanne” zwischen denen ein halbes Jahrhundert liegt. Es gibt kein Zurück zum Kuhgespann, es gibt kein Zurück zu gesunden Wildtierpopulationen mit intensiver Landwirtschaft.
Der Schlüssel kann in einer Kostenteilung von Landwirtschaft und Jagd liegen, in der Bereiche der Landwirtschaft von der intensiven zur extensiven Bewirtschaftung geführt werden (Größenordnung: 50% der Jagdpacht). Das Wild und die Jagdwirtschaft haben bei diesem Konzept im Vordergrund zu stehen.

Ochsengespann

Eine Koordinierung von staatlichen Zuschüssen und Beteiligung von Naturschutzverbänden wäre nicht nur sinnvoll sondern notwendig.

Wildmeister DIETER BERTRAM

Grafik: Ernst-Otto Pieper, 25712 Burg in Dithmarschen