Wildhüter St. Hubertus e.V.

Salz für das Wild

Salz ist nicht lebensnotwendig, aber als Würze bei vielen Tierarten sehr begehrt. Das beweisen Salzlecken und -laken, die bekanntlich von vielen Wildarten geradezu gierig angenommen werden. Egal, ob es die Waldelefanten im afrikanischen Urwald, die Wapitis in der kanadischen Wildnis oder die Rehe und Hasen in den heimischen Revieren sind, kilometerweit zieht das Wild zu den Stellen, wo es Salz gibt.

Der praktische Nutzen des Kochsalzes für das Wild ist bisweilen umstritten. Es ist zwar allgemein bekannt,  dass Natriumchlorid die Äsungslust und die Verdauung anregt und somit den Stoffwechsel fördert, doch wird ein günstiger Einfluss auf die vielfach erhoffte Geweih- und Gehörnbildung  wenn überhaupt- nur mittelbar ausgeübt. Groß ist ohne Frage die Lockwirkung auf Schalenwild, Hasen und Tauben. So gibt man sich in der Jägerschaft allgemein damit zufrieden, dass sich Wild mit Salz ans Revier oder bestimmte Revierteile fesseln lässt. Konkrete Hinweise über Vor- und Nachteile der in den verschiedensten Formen seit Jahrhunderten angebotenen  Salzsulzen wurden allerdings  nie  erteilt.  Man  sucht in der gesamten Jagdpresse vergeblich nach fundierten Aussagen über die spezielle Wirkung von Salzlecken auf das Wild.  Und so kontrovers wie die Ernährungsphysiologen die Anwendung von Kochsalz im Rahmen der menschlichen Ernährung erörtern, genauso widersprüchlich könnte man über Stock- oder Lehmsulzen für das Wild diskutieren.  Recht jedenfalls hat sowohl derjenige,  der da behauptet, Salz wäre giftig (sofern die konzentrierte Aufnahme des Minerals gemeint ist dann kann Salz sogar hochgiftig sein), als auch der andere, der Natriumchlorid für absolut lebensnotwendig hält.
Die Tatsache, dass z.B. Pflanzen zum Wachstum Mineralstoffe benötigen, ist seit Justus Liebig allgemein bekannt. Über die Bedeutung der einzelnen Mineralien für Menschen und Tiere aber gab es viele Unsicherheiten. Heute weiß man, auch bei der Tierernährung übernehmen Mineralstoffe sehr wichtige Aufgaben im Stoffwechsel.  Und  in  der  großen  Liste  lebensnotwendiger Elemente wird Natrium neben Phosphor, Calcium, Kalium und Magnesium mit an vorderster Stelle aufgeführt.
In allen Körpersubstanzen sind Salze in zum Teil hoher Konzentration enthalten, und in Anbetracht der Tatsache, dass die ersten Lebewesen  im Salzwasser  des Meeres  entstanden  sind,  erklärt es sich auch, warum lebende Zellen auf den Kontakt mit einer wässrigen Salzlösung angewiesen sind. Auf jeden Fall haben vielzellige Lebewesen nur dann eine Überlebenschance, wenn die Salzkonzentration der Zwischenzellflüssigkeit in engen Grenzen konstant gehalten wird. Aufgabe des Organismus ist es, stets für Ausgleich zu sorgen.
Nun gehen zwar die Tiere alles in allem sehr sparsam mit Natrium (Na) um, aber außer über Urin und Losung ist die Natrium-Ausscheidung  bekanntlich  über  den  Schweiß  und  bei  Muttertieren über die Milch ganz erheblich.  Der Landwirt weiß:  Mit jedem Liter Milch wird von der Kuh etwa ein halbes Gramm Na ausgeschieden,  und wenn sämtliche Körperreserven an Na erschöpft sind, sinkt  die Milchleistung  rapide ab.  Deshalb  werden  Milchkühe regelmäßig mit Natriumchlorid über spezielle Futtermittel oder in Form von Viehsalz versorgt.
Nun sind Vergleiche zum Haustier,  allein schon  zum besseren Verständnis der Gesamtmaterie, ohne Frage sehr nützlich,  doch ist  die  pauschale  Anwendung  von  derlei  Erfahrungswerten  auf das Wildtier sicherlich nicht ohne weiteres zu empfehlen, vielleicht sogar gefährlich. Zunächst aber geht es um die grundsätzliche Feststellung, dass Salze als Baustoffe für Mensch und Tier unentbehrlich sind und in ihrer Bedeutung den Hauptnährstoffen nicht nachstehen. Ihr Verbrauch muss regelmäßig ersetzt werden.
Für Raubtiere gibt es diesbezüglich keine Probleme, denn ihre Hauptnahrung, Fleisch und Blut, enthält Salz in hoher Konzentration.  Für Pflanzenfresser aber,  die in einer  intakten Natur den Salzbedarf nicht nur über die Pflanzennahrung, sondern auch über das Wasser und den Boden decken, gibt es in der heutigen Zivilisationslandschaft jedoch häufig Engpässe. Viele der dominierenden  Kulturpflanzen enthalten  so  gut  wie  kein  Natrium, und wenn einseitige Bewirtschaftung der land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen oder arme Böden die Artenvielfalt stark einschränken und somit Wildkräuter als natürliche Salzspender fehlen, treten unweigerlich Mängel auf. Das äußert sich bei Wiederkäuern, wie Rehen, für die Salz u.a. auch eine Ganz spezifische Wirkung auf die Aktivierung von Enzymen hat, durch offensichtlichen Heißhunger auf Salz. Wenn also Rehe im Frühjahr geradezu über die Sulzen herfallen, ist das nicht etwa reine Naschsucht, sondern typisches Zeichen für einen ausgesprochenen Mangel an Mineralstoffen. Besonders groß ist  das Salzbedürfnis während des Haarwechsels, weil die dadurch besonders beanspruchten Stoffwechselvorgänge einen erhöhten Natriumbedarf erfordern. Und egal ob Rottier, Muffelschaf oder Rehgeiß - wenn führende Stücke im Frühsommer manchmal eine halbe Stunde lang an der Salzlecke stehen, dann nur, weil der Körper nach einem Ersatz für das Salz verlangt, das in großen Mengen mit der Muttermilch abgegeben wurde. So sollten also in allen Revieren Sulzen in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Doch egal, in welcher Form das Salz angeboten wird, es gibt Regeln, die es grundsätzlich zu beachten gilt. Salz ist kein Futtermittel , das wie Kraftfutter im Trog verabreicht oder wahllos dem Futter bzw. der Silage beigemengt wird. In Überdosis aufgenommen, ist Natriumchlorid für Mensch und Tier unter Umständen tödlich, auf jeden Fall aber haben zu große Salzmengen stets negative Auswirkungen. Bei den von Dr. Ueckermann an der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung des Landes Nordrhein-Westfalen durchgeführten Leckstein - Versuchen erreichte die tägliche Salzaufnahme je Stück Rehwild nur etwa ein Gramm. Rotwild verbrauchte rund drei und Muffelwild zwei Gramm pro Tag. Wurde dagegen die Salzmenge, und zwar durch Beimischung  von Kochsalz ins Futter, auf fünf bis sechs Gramm pro Reh und Tag erhöht, so steigerte sich zugleich auch die Wasseraufnahme um ein Vielfaches des normalen Bedarfs.
Vor diesen Gefahren haben Praktiker seit jeher gewarnt. So wurde von erfahrenen Berufsjägern immer wieder darauf hingewiesen, Salzlecksteine nur während der Vegetationszeit auszulegen, im Winter dagegen auf jegliches Salzangebot zu verzichten. Hierbei geht es vor allem um die Tatsache, dass Salz den Durst fördert, und das kann im Winter bei starkem Frost fatale Auswirkungen haben. Nicht nur, dass der Verbiss wasserreicher Triebe gefördert und somit Wildschaden geradezu provoziert wird, es gibt zuweilen sogar verheerende Wildverluste.
In Ermangelung von Wasser kommt es zur folgenschweren Aufnahme von Schnee und Eis. Dadurch wiederum entstehen katarrhalische Labmagenentzündungen, die im Frühjahr häufig den Tod infolge des grundsätzlich damit verbundenen starken Durchfalls nach sich ziehen.
Andererseits bestätigen die Ueckermannschen Untersuchungsergebnisse eindeutig die in der Praxis gewonnenen Erkenntnisse, dass die sparsame Aufnahme von Natriumchlorid durch Wild aus Sulzen eine erfolgreiche medikamentöse Behandlung mit Arzneien, Wurmpräparaten, Spurenelementen usw. und durch Lecksteine unnötig macht. Ob Schalenwild oder Hasen - Wildtiere würden im Rahmen des normalen Leckvorganges an der Sulze kaum jemals das zur erfolgreichen Heilbehandlung notwendige Quantum des jeweiligen Mittels zusammen mit Salz aufnehmen. Es gelangen bestenfalls Bruchteile und somit meist nur unwirksame Mengen eines entsprechenden Präparates in den Wildkörper. Diese Dosierung kann sogar resistent machende Wirkung haben. Wegen solcher Erkenntnisse und Überlegungen ist es nur allzu verständlich, wenn Kritiker das Ausbringen derartiger Lecksteine in Frage stellen und vor dem Kauf solch umstrittener Medizingaben zur Wurmbehandlung warnen.
Was aber den reinen Mineralstoff Natriumchlorid anbetrifft, so dürfen wir angesichts einer ausgeräumten Natur nicht verkennen, dass dem frei lebenden Wildtier vielerorts nur über die von Jägern ausgebrachten Lecksteine das  lebensnotwendige  Kochsalz zur Verfügung steht. An den Straßen nach den Resten des (vergällten) Streusalzes suchende Rehe oder Taubenschwärme machen den Notstand deutlich und setzen Signale zum Ausbringen von Sulzen für Wild. Dankbar zeigen sich alle Schalenwildarten, Hasen, Wildkaninchen und Wildtauben. Allerdings dürfte die Salzaufnahme nicht mit dem Salzbedarf gleichzusetzen sein.
Als Lockmittel in der Art von Kirrungen ist Salz nicht geeignet. Lediglich Ringeltauben können über die Salzlecken, z.B. in der Form richtig angelegter Lehmsulzen, auch gezielt bejagt werden.
Bei allen Wildarten besteht der hegerische Nebeneffekt aber darin, dass sich das Wild ans Revier binden und dort auch  gewissermaßen lenken lässt. So kann man Schalenwild an bestimmte Revierteile fesseln, vielleicht sogar von gefährdeten Forstkulturen oder von Straßen und Bahnlinien ablenken. Andererseits lassen sich Wildäcker und -wiesen, Tränken, Suhlen usw. durch Salzlecken attraktiver machen. Allerdings sollten sie auch in einer entsprechenden Zahl im Revier vorhanden sein. Man rechnet normalerweise für 25 Hektar Hochwild - Revierfläche mit mindestens einer Suhle. Doch es können auch mehr sein, denn es werden bekanntlich etliche Wildtiere angelockt, und Konzentrationspunkte, wo es zu Ansteckungsmöglichkeiten von Krankheiten kommen kann, müssen von vornherein ausgeschlossen werden.
Was die Salzqualität anbetrifft, so hat sich das in den Salzsteinbrüchen gewonnene Steinsalz am besten bewährt. Es hat den Vorteil dass sich die Steine nur sehr langsam auflösen.  Stattdessen kann  selbstverständlich auch Speisesalz und - wenn größere Mengen benötigt werden - Viehsalz genommen werden. Auch Kunstlecksteine aus gepresstem Siedesalz haben sich gut bewährt, wobei die angepriesenen Zusätze von Phosphor, Kalium, Calcium, Eisen, Jod usw. keinen praktischen Nutzen bringen.
Nicht geeignet ist Streusalz, das z.B. mit einem hohen Gehalt an Eisenoxyd vergällt ist, negative Wirkung haben kann. Mit losem Salz beschickte Salzlecken,  wie z.B.  Lehmsulzen,  lassen  sich insbesondere für Wildtauben noch anziehender machen,  wenn man den Inhalt eines Fläschchens Anisöl beimengt.
Zur Anlage von Salzsulzen wählt man solche Plätze im Revier, an denen sich das Wild von Natur aus gern aufhält. Außer den Tageseinständen kommen vor allem geschützte Stellen auf Blößen, Schlägen, Waldwiesen, Wildäckern und stillen Schneisen in Frage. Vor Hochsitzen lassen sich mit Salzlecken in Form von Stammsulzen sehr gut Entfernungsmarken für revierunkundige Jäger anbringen, indem man z. B. exakt 100 Meter von der Kanzel entfernt die Stammstücke gut sichtbar eingräbt.
Je nach den vorhandenen Möglichkeiten werden im Wald Stock-, Stamm- oder Kistensulzen angelegt, während man im Feld die altbewährten Lehmsulzen bevorzugt. Da es jedoch manchmal schwierig ist, das Wild an die Sulze zu gewöhnen, bedient man sich folgender bewährter Methode:
Der Salzstein wird zunächst einfach auf die regelmäßig aufgesuchten oder gut angenommenen Wechsel ausgelegt, so dass das Wild förmlich mit der „Nase darauf stößt". Erst wenn dieser Stein angenommen ist, wird an der Stelle eine ständige Sulze errichtet. Das ist meist eine einmalige Arbeit bzw. Investition, denn die konservierende Wirkung des Salzes macht das Verstocken oder Verfaulen des Holzes unmöglich, so dass zumindest bei der Verwendung von Hartholz eine fast Unbegrenzte Haltbarkeit zu erwarten ist.
Welche Holzart man wählt, ist im Grunde egal; Stammsulzen aus Fichten oder ähnlich weichen Hölzern haben den Nachteil, dass sie im Laufe einiger Jahre von den Hasen regelrecht abgenagt werden.
Auf Blößen oder Kahlschlägen, kurzum überall dort, wo es viele Wurzelstöcke, aber keine stehenden Bäume mehr gibt, werden Stocksulzen angelegt. Diese Methode des Salzangebotes hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist es  dass man nicht unbedingt an Salzsteine gebunden ist, deren Beschaffung zuweilen Schwierigkeiten bereitet; man kann einfach ein paar Tüten Speisesalz in eine entsprechende Vertiefung geben. Bei Hasen ist die Stocksulze besonders beliebt. Der Nachteil: Raubwild löst sich gern auf dem Stubben, doch läßt sich durch schräg eingeschlagene Pfähle Abhilfe schaffen. In Revieren mit Schwarzwildvorkommen wird der Salzstein oft von den Sauen verschleppt. Es ist wichtig, ihn zu sichern.
Innerhalb der Bestände kommen Stammsulzen in Frage. Man kann dafür minderwertige Bäume in der jeweils geeigneten Höhe köpfen oder Stammstücke von entsprechender Länge und Stärke tief eingraben. Der Salzstein, gegebenenfalls auch loses Salz, wird so hoch angebracht, dass das Wild nicht am Mineral selbst, sondern am Holz lecken muss. Die konzentrierte Aufnahme von Salz wird dadurch verhindert. Es gibt verschiedene Methoden die je nach Stärke des vorhandenen Stammes Anwendung finden. In der Regel wählt man 15 bis 20 Zentimeter starke Buchen, Eichen oder Fichten, die in Rehwildrevieren etwa zwei Meter hoch abgesägt werden. Dann wird am oberen Ende eine etwa zehn Zentimeter tiefe Kerbe eingeschnitten, in die der Salzstein gelegt wird. Die bei stärkeren Stämmen mit einer Motorsäge ausgehöhlten Stammsulzen haben den Vorteil, dass man auch loses Salz verwenden kann. Gut bewährt hat es sich auch, wenn man als Salzvorrat ein hohles Stammstück passend aufstülpt.
In Revieren, in denen man loses Vieh- oder Speisesalz oder die sich schnell auflösenden künstlichen Lecksteine aus Siedesalz verwenden will, bedient man sich zweckmäßigerweise der Kistensulze. Flache Holzkisten mit durchlöcherten Böden werden auf Stämme oder Pfähle genagelt.
In Niederwildrevieren, wo man außer den Rehen auch den Hasen und Tauben etwas Gutes zukommen lassen will, hat sich die altbekannte Lehmsulze besonders bewährt. Zu diesem Zweck  werden Holzkisten (40 x 80 x 80 cm) ebenerdig eingegraben und wechselweise mit einer fünf Zentimeter dicken Schicht aus fettem Lehm oder Ton und einer ein Zentimeter starken Lage Kochsalz unter ständigem Stampfen bis zum Rand gefüllt. In der Nähe der Tränken angelegt, können Lehmsulzen den Jagderfolg auf Ringeltauben wesentlich erhöhen.
Die Beschickung der Sulzen erfolgt im Spätwinter, etwa ab Mitte März. Das Salz steht alsdann den ganzen Sommer über zur Verfügung und ist im Spätherbst meist verbraucht. Steine und loses Salz werden dann aber nicht mehr ersetzt. Das ins Holz eingedrungene Mineral wird das Wild ohnehin noch längere Zeit beschäftigen.

Wildmeister GÜNTER CLAUSSEN

Grafik: Ernst-Otto Pieper, 25712 Burg in Dithmarschen