Wildhüter St. Hubertus e.V.

Die ganz andere Wildschweingeschichte

Ob es eine kalte Winternacht oder ein lauer Frühlingsabend war, an dem sich die Wildschweinliebesgeschichte ereignete, ist dem Berichterstatter nicht bekannt.

Eine kleine Dorfgemeinde im Mittelgebirge, sie ist in die Natur eingebettet, von Wald und Wild, auch vom Schwarzwild umgeben. Wen wundert es da, dass eines nachts ein Wildschweinkeiler dem am Dorfrand gelegenen Bauernhof einen Besuch abstattete. Die einfach gezimmerte Stalltür hebelt er mit brachialer Gewalt auf und war im Schweinestall, dem Ziel seiner Wünsche. Nicht, dass er sich nahrungsmäßig umstellen wollte, von Eicheln, Engerlingen und saftigen Wildwiesen auf Schnellmast, nein, es war ein zartes Ding von vielleicht 150 kg Lebendgewicht, dass ihm, je nach Windrichtung, seit Tagen und Nächten den Keilerkopf verdrehte. Dass sie vom Kopf bis zum Ringelpürzel weiß war, konnte er im Dunkeln nicht sehen. Es hätte ihn auch nicht sonderlich gestört, nachdem er sich über sämtliche menschliche Nebengerüche hinweg gesetzt hatte. Bevor es hell wurde, verließ der wilde Keiler auf dem gleichen Weg, den er gekommen war, den Stall.
Der Kavalier genießt, schweigt und verschwindet. Niemand hat ihn gesehen oder gehört, ob es ein drahtiger Überläufer oder ein hauendes Schwein war, wie der Jäger von einem starken Keiler spricht. So, wie die Stalltür verhauen war, ist es wohl ein mächtiger Urian gewesen.
Nach drei, drei, drei ( 3 Monate, 3 Wochen, 3 Tage) gab's eine große Schweinerei, d.h. weiße und wie Kartoffelkäfer aussehende Frischlinge. All das ist noch nicht außergewöhnlich.
Der Bauer, er war eigentlich mehr ein Kleinhäusler, fand besonderen Gefallen an einem einfarbig dunklen Frischlingskeiler. Er fand nicht nur Gefallen daran sondern auch die Zeit, mit dem Keilerchen ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen und ihn auf sich zu prägen.
Als der Frischling noch jung war, wurde er oft von den Dorfhunden geneckt, auch schon mal gezwickt. Doch mit zunehmenden Alter verschaffte er sich Respekt, machte Scheinangriffe gegen die Hunde, wetzte die Gewehre, indem er Ober- und Unterkiefer mit deutlich vernehmbaren Knappen zuschlug.
Den Frischling hat der Bauer gelegentlich mit in die Dorfschänke genommen. Er lobte seinen gelehrigen Keiler, wer immer das von ihm wissen wollte. Für die Dorfbewohner waren die Beiden ein gewohnter Anblick. Die Dorfhunde, die ihnen begegneten, gingen lautlos auf die andere Straßenseite, allenfalls ein verhaltenes Knurren erlaubten sie sich. Einen fremden, allzu neugierigen Pudel verfolgte der Keiler beinahe bis ins Auto, zu seinem entsetzten Herrchen.
Foto: Dieter BertramDer Keiler war zu einer Persönlichkeit herangereift, die Dorfhunde reagierten auf Blick. Wenn in den kleinen Sehern weißes zu sehen war, vergrößerten sie respektvoll den Abstand. In der Gastwirtschaft trank der Bauer sein Stuppi, es dauerte meist nicht länger als drei Minuten. Es konnte sein, dass der Keiler sich vor der Wirtschaft nieder tat, immer kritisch von den Hunden beobachtet.
Zogen die ungleichen Freunde weiter, gingen die Hunde zu dem Platz, wo der Keiler geruht hatte und bewindeten ihn lange.
Gegen Menschen verhielt der Schwarzkittel sich brav, wer mochte, konnte ihm auf die staubige Schwarte klopfen doch die meisten mochten nicht. Die Mutigen zogen ihn schon mal am Pürzel, auch das ließ er sich gefallen.
Auf dem Land geht alles seinen “normalen Gang”. Der Keiler kam weder zum Tierschutzverein, noch zum Gnadenhof, er wurde auch nicht in die Wildbahn entlassen sondern in Rauch gehängt und in Wurstdärmen verwahrt und gegessen.
Die eine oder andere Geschichte wurde beim Vespern noch von ihm und seinem unbekannten Vater erzählt.
Als nach einem Polterabend die letzte Dorflaterne schief stand wurde behauptet, der alte Keiler sei wieder mal im Dorf gewesen und habe sich daran gemahlen.
Doch einer, der es wissen wollte, hat sich die Laterne genau angesehen, es war keine Borste zu finden sondern grüner Lack und ein Schlusslicht.

Wildmeister DIETER BERTRAM

Grafik: Ernst-Otto Pieper, 25712 Burg in Dithmarschen