Eine Bracke als Sinnbild der Treue

Von Heimo van Elsbergen

Von einem Brackenfreund wurde ich auf den Artikel „Der Rüdenstein – tierische Treue im Mittelalter“ von Mirja Dahlmann (Zeitenreise.net) aufmerksam gemacht. Sie schreibt:

„Der Hund, so sagt man, sei der beste Freund des Menschen. Von einem besonderen Tier erzählt die Bergische Sage, in der ein Rüde seinen in den Wupperbergen verunglückten Herrn im Jahre 1424 vor dem sicheren Tode rettete. Die Sage berichtet, dass der junge Herzog seinem Hund so dankbar gewesen sei, dass er ihm nach seiner Genesung ein Denkmal setzte. Heute erinnert ein im Jahre 1927 errichtetes Steinmal in Leichlingen an den heroischen Vierbeiner (Abb. 1).

Abb. 1, Der Rüdenstein

Die Sage vom Rüdenstein

Laut der von Otto Schell überlieferten Sage begaben sich im Jahre 1424 zahlreiche Ritter und Junker in den Wald, um der Jagd zu frönen (Abb. 2). Robert, der Sohn des Herzogs Adolf von Berg, verfolgte einen Hirsch, stürzte dabei eine steile Felswand herab und verletzte sich schwer. Er wurde vermisst, jedoch nicht gefunden, bis einer der Jagdhunde winselnd und bellend durch den Schnee sprang und nicht eher abließ, bis die Gesellschaft ihm folgte. Man fand Robert schwer verletzt und steif gefroren am Wupperufer und brachte ihn zurück nach Schloss Burg, wo er sich rasch erholte und beschloss, dem Hund ein Denkmal zu errichten. Man erzählt sich, dass dieses Denkmal im 17. Jahrhundert durch einen heftigen Sturm in die Wupper geweht worden sei. Das heutige Denkmal wurde im Jahr 1927 durch den Widderter Verschönerungsverein errichtet.

Abb. 2, Historiengemälde auf Schloss Burg (19. Jh.)

Welcher Rasse setzt der Rüdenstein ein Denkmal?

Die Autorin kommt bei näherer Betrachtung der Skulptur zu dem richtigen Schluss, dass es sich hier um eine Bracke handelt. Sie weist auf die im benachbarten Sauerland gezüchtete Deutsche oder Olper Bracke hin und folgert: „Es ist denkbar, dass die damaligen Herzöge von Berg diesen Hund aus der Nachbarregion importierten.“

Dazu ist anzumerken, dass es im Mittelalter drei zur Jagd verwendete Rassengruppen gab:  1.   Bracken als Finder, Meute-, Leit- und Schweißhunde,  2. Windhunde als Hetzhunde und 3. Doggen als schwere Hetzhunde und Packer. Zwischen den Fürstenhöfen gab es einen regen Austausch von Jagdhunden. Eine Rassezucht im  Sinne heutiger Reinzucht gab es nur in Ansätzen. Die Bracken, die im Bergischen eingesetzt wurden, waren sicherlich Lokalschläge, die  auch Brackenblut aus benachbarten Territorien führten.

Abb. 3, Bergisch-Cronenberger Bracken aus der Zucht des Berliner Zoos (um 1935)

Dabei ist nur wenigen Brackenfreunden bekannt, dass es im Bergischen eine eigenständige  Lokalrasse gab, die Bergisch-Cronenberger Bracke (Abb. 3), die noch bis zum Zweiten Weltkrieg in und um Cronenberg, heute ein Stadtteil von Wuppertal, gezüchtet wurde. Die Cronenberger waren hirschrote Hunde mit sehr langem, etwas gedrehtem Behang, z.T. mit Gesichtsfalten, hellem Nasenstreifen und hervortretendem Hinterhauptbein. Rudolf Frieß (R.F.) bezeichnete sie daher als hubertoid, dem St. Hubertus-Hund ähnlich. Eine Verbindung mit französischen Bracken ist nicht unwahrscheinlich, da das Bergische Land von 1806 bis 1814 unter französischer Verwaltung stand (Großherzogtum Berg). Letzte bekannte Züchter in den 1930er Jahren waren Wilhelm Arntz, Remscheid-Hasten, und Prof. Dr. Lutz Heck, Zoologischer Garten Berlin. Heck war von 1934 bis 1945 Fachschaftsführer der „Fachschaft Deutsche Bracken“ und von 1955 bis 1965 Präsident des DBC.

Abb. 4, Der Rüdenstein um 1930

Die Farbe Weiß

Die Rüdenskulptur besteht aus weißem Kunststein (gemahlener Muschelkalk). Bei der Errichtung des Denkmals setzte man offensichtlich auf die Strahlkraft der Farbe Weiß, zumal Weiß für Licht, Reinheit und Vollkommenheit steht. So zeigt ein historisches Foto (Abb. 4) das hoch über der Wupper auf einem Felsvorsprung stehende Denkmal, eingebettet in die typische Bergische Landschaft mit einem leuchtend weißen Rüden als Landmarke. Dieser Eindruck ist heute vollkommen verlorengegangen, weil der Wald das Denkmal „erobert“ hat. Man sieht es erst, wenn man unmittelbar davor steht  – Schade!

Abb. 5, Aus dem Buch der Jagd des Gaston Phoebus (1. Hf. d. 15. Jh.)

Rein weiße Bracken sind selten und waren in früheren Zeiten hoch geschätzt. Im Mittelalter musste der Forstmeister des Büdinger Waldes für die Jagden des Kaisers eine weiße Bracke bereit halten: „Wann er (der Kaiser) will pürschen, … es gelingt ihm, dass er schießt, da soll er reiten zu dem Hain in eines Forstmeisters Haus, da soll er finden, einen weißen Bracken mit hängenden Ohren und soll dem Wilde nachhängen“. Dieser Hund ruhte auf seidenem Polster und Kissen, sein Halsband war silbern und übergoldet (Abb. 5).

Abb. 6, Hugo Brinkmann, Herscheid, mit weißer Bracke und starkem Fuchs; neben ihm Förster Stuff  (um 1940)

Berühmt waren die weißen Parforcehunde Frankreichs. Man nannte sie die „Hunde des Königs“ (Chien blancs de Roi). Ihre Nachfahren sind der heute noch fast rein weiße Billy und der Porcelaine. Auch die Istrianer Bracke ist fast ganz weiß. Unter den Esloher Steinbracken, die nach dem Ersten Weltkrieg ausgestorben sind, gab es fast weiße Exemplare. Um 1940 ist im Märkischen Sauerland eine weiße Bracke bekannt geworden, die nur wenige rotgelbe Flecken zeigte (Abb. 6). Bei der Deutschen Bracke und  Westfälischen Dachsbracke wird heute Dreifarbigkeit verlangt, bei der Dachsbracke ist Zweifarbigkeit zulässig. Schecken sind unerwünscht, reines Weiß ist ein zuchtausschließender Fehler. Mitte der 2000er Jahre sind in einem Wurf einige rein weiße Dachsbracken gefallen. Die Ursachen für das Auftreten der „Fehlfärbung“ konnten bisher nicht sicher ermittelt werden.

Abb. 7, Schloss Burg

 

Abb. 8. Schloss Bensberg

Abb. 9, Schloss Benrath: Netzjagd auf Rotwild mit zwei Bracken und einem Packer

Große Jäger vor dem Herrn

Die Grafen und Herzöge von Berg waren passionierte Jäger und haben viele Zeugnisse ihrer Jagdleidenschaft hinterlassen. Schloss Burg, hoch über der Wupper, war bis 1330 ihre Hauptresidenz, danach zogen sie an den Rhein nach Düsseldorf. Das Schloss war damals wie heute eine imponierende Anlage (Abb. 7). Es diente von 1330 bis in die 1660er Jahre als Jagd- und Festschloss. Im 18. Jh. bauten die Bergischen Herzöge, die mittlerweile die bayerische Kurwürde erlangt hatten, Schloss Bensberg (Abb. 8), das größte Jagdschloss Nordrhein-Westfalens, und Schloss Benrath, das schönste im Land (Abb. 9). Die Museen Schloss Burg und Benrath (Düsseldorf) sind absolut sehenswert. Auf Schloss Burg befindet sich auch eine spezielle Jagdabteilung mit sehr sehenswerten Exponaten der höfischen Jagd (Abb. 10, 11).

 

Abb. 10, Museum Schloss Burg, Hundehalsband mit Bracken- und Packerköpfen

 

Abb. 11, Museum Schloss Burg, kupferner Halbmond (18. Jh.)

Das Bensberger Hirschfest  

Ein bedeutendes Jagdgebiet der Bergischen Herzöge war der Königsforst östlich von Köln, heute die grüne Lunge der Millionenstadt. Hier wurden Unmengen von Rot- und Schwarzwild gehegt, was zu gewaltigen Schäden in der Landwirtschaft führte. Im Winter litt das Rotwild so große Futternot, dass es in die Dörfer zog und das Stroh von den Dächern äste. Alle berechtigten Klagen der ländlichen Bevölkerung nutzten nichts, weil die vom Kurfürsten angeordneten Zähltreiben von seinem Jagdpersonal sabotiert wurden. Erst wurde das Wild aus seinen Einständen verscheucht und dann  im fast leeren Treiben „gezählt“. Die Sprecher der geplagten Bauern wurden sogar als Lügner bestraft.

Unter Kurfürst Carl Theodor (1724 – 1799) trat die Wende ein. Ausgelöst durch die Ideen der Französischen Revolution gelang es den Beschwerdeführern, zu ihm vor zu dringen. In der Folge gestattete der Kurfürst den Abschuss von mehreren tausend (!) Hirschen und Wildschweinen. Jedem Anlieger des Königsforstes war es erlaubt, so viel Wildbret an sich zu nehmen, wie er einpökeln konnte. Ein allgemeines Jagen folgte, das mit dem Bensberger Hirschfest am 27. Dezember 1790 seinen Abschluss fand.

Trotz der historischen Belastungen steht das Rotwild in festem Bezug zur Landschaft. So zeigt das alte Stadtwappen von Bensberg (heute ein Ortsteil von Bergisch Gladbach) auf grünem Grund ein goldenes Hirschhaupt und zwischen den Stangen den Bergischen Löwen (Abb. 12).

Abb. 12, Das Wappen der früheren Stadt Bensberg