Einiges über die Parforcejagd

Von Prof. Dr. Rudolf Stübner

 

Parforcejagd wird allgemein als Hetzjagd, reitend, mit Hundemeute verstanden. Ein einzelnes Stück (Hirsch, Schwarzwild) wird solange gehetzt, bis es sich stellt, und ihm der Fang angetragen werden kann. Diese schon seit der Bronzezeit bekannte Jagdart1 wurde in Frankreich als Chasse à courre unter Ludwig XIV. und Ludwig XV. zu höchster Perfektion entwickelt und verdient jagdkulturelle Würdigung.

Dass die Parforcejagd in Deutschland „nie so recht heimisch wurde“ (U. Wendt), dürfte primär auf den gewaltigen Aufwand zurückzuführen sein, den diese Jagdart erfordert.

Die schon während der deutschen Aufklärung aus tierschützerischer Sicht geäußerte massive Kritik (Matthias Claudius: Schreiben eines parforcegejagten Hirschen an den Fürsten der ihn parforcegejagt hatte, d.d. jenseits des Flusses), fand schließlich ihren Niederschlag im Verbot dieser Jagdart (Zusatz zum Reichsjagdgesetz von 1936 und Bundesjagdgesetz §13 (19)).

In der deutschen Jagdliteratur wird die Parforcejagd bereits bei Sigmundt Feyerabendt (1582) behandelt und setzt sich bis in die Jagdlehrbücher des 19. Jh. fort.

R. Corneli widmete in seinem Buch Die Jagd und ihre Wandlungen (1984) der Parforcejagd das 11. Kapitel, welches nachfolgend auszugsweise wiedergegeben wird. Nach einer geschichtlichen Einleitung zitiert Corneli den Artikel Einiges über die Parforcejagd, erschienen im „Waidmann“ von v. Ivernois, wo die Parforcejagd am preußischen Hof geschildert wird. (Für dessen Qualität spricht auch eine Referenz in Julius Grunerts Jagdlehre.)

Neben Bemerkungen zum Brauchtum mag für den heutigen Jäger die Verwendung der geblasenen Parforce-Hornsignale von besonderem Interesse sein.

R. Corneli: Die Parforcejagd zeichnet sich vor allen anderen Jagdweisen durch ihre eigentümlichen Terrainvorbedingungen, durch die Kostspieligkeit der Equipagen und die Anstrengung aus, welche den Jägern, Pferden und Hunden dabei zugemutet wird. Ihre Hauptmerkmale sind, dass jedes Mal nur ein Stück Wild zum Erlegen bestimmt ist, dem zu Pferde mit Unterstützung von eigens dafür abgerichteten Hunden, deren zum Verfolgen erforderliche Zahl eine Kuppel oder Meute genannt wird, bis zum Hallali, d.h. bis zum Moment der Erschöpfung des gehetzten Wildes, gefolgt wird, worauf die Erlegung geschieht. Der „Waidmann“ teilt uns über die Parforcejagd in seinem sechsten Band folgendes mit:

 

Das Ausführen der Meute

Die Meute will mit größter Sorgfalt behandelt werden, wenn sie brauchbar und ferm werden soll. Anfangs Juli beginnt man in der Regel mit dem Ausrücken. Der älteste Piqueur zu Pferde feuert die Hunde durch den Zuruf „Hay, Hay!“ an, ihm zu folgen. Auf beiden Seiten kotoyieren die übrigen Piqueure unter Anführung des Direktors und des Oberjägers. Alle Hunde, die sich entfernen, werden mit Peitschenhieben und dem Zurufe „à la meute!“ oder wenn sie voraus wollen, unter „derrière!“ zu den übrigen zurückgeführt. Erst wird Schritt, dann Trab und in der letzten Zeit fleißig Galopp geritten, um Pferde und Hunde in „Kondition“ zu bringen. Hierbei kommt es häufig vor, dass Hunde ausbrechen oder zurückbleiben und es ist Obliegenheit der Piqueure dieselben der Meute wieder zuzuführen, welche sie nie verlassen dürfen. Vor dem Einrücken wird wieder zum Schritt übergegangen, damit Pferde und Hunde nicht warm in den Stall gelangen und das Verschlagen derselben verhütet wird.

 

Das Trainieren

Mitte August beginnt man, wöchentlich viermal Train zu jagen, um die Hunde an die Witterung der Hirsch-Schalen zu gewöhnen. Zu diesem Zwecke werden die vier Läufe eines mehrere Tage vorher erlegten Hirsches abgelöst und zwar nicht, wie Winckell sagt, bei dem Oberrücken sondern am Kinn, resp. unter der Heese, wenige Stunden in warmes Wasser eingeweicht und an einer langen Leine dergestalt befestigt, dass, in welche Lage der Train auch kommen möge, stets mindestens eine der Schalen den Boden berührt.

Nun reitet ein Piqueur, der ein ausgezeichnetes Pferd und mehrere Relais haben muss, voraus, lässt den „Train“ (so nennt man die oben beschriebene Verbindung von Hirschläufen) fallen, bezeichnet die Stelle durch einen Bruch, und setzt, zunächst im Trabe, die ihm vorgeschriebene Tour fort.

Kurz vor der bezeichneten Stelle wird die Anstandsfanfare geblasen und die Hunde mit dem Zurufe „Volez! volez! mes chiens“ zum Geschleppe geführt. Wenn sie dasselbe nicht eifrig angenommen haben, so ziehen sich die vor dem Kopf der Meute reitenden Jäger, unter dem Zurufe „Toch! Toch!“ zurück und mit demselben Geläute jagt diese nunmehr auf dem Geschleppe fort, als wenn sie eine Hirschfährte vor sich hätte.

Jetzt muss der „Traineur“ sehr scharf ausgreifen lassen, auch mehrmals Widergänge und Retouren machen, wie es bei einem verfolgten Hirsch vorzukommen pflegt.

Von Zeit zu Zeit wird gestoppt, damit der „Traineur“ Vorsprung gewinne. Dies geschieht dadurch, dass ein gut berittener Piqueur dem Kopfhunde zuvorzukommen sucht, ihn beim Namen ruft und unter dem Zuruf „Derrière!“ die Peitsche schwenkt, aber nicht damit knallt. Steht der Kopfhund erst, so stehen die anderen ebenfalls bald. Nach kurzer Zeit geht es weiter, die Anstandsfanfare ertönt von neuem und solange die Hunde auf dem Geschleppe bleiben, werden sie durch die Fanfare „gute Jagd“ und abwechselndes Juchen in fortwährender Aufregung gehalten. Stellen, wo der Traineur einen Widergang gemacht hat, muss er durch einen Bruch bezeichnen.

Werden dieselben von der Meute überjagt, und schwärmt sie umher, so wird „Hourvari! hourvari!“ gerufen und die Hourvari-Fanfare geblasen, die Jäger müssen vorreiten, damit die Meute nicht weiter jagt und unter Zurufen und blasen wieder nach dorthin gebracht wird, wo das Geschleppe von ihr verloren wurde. Nachdem die Retour ausgejagt worden und die Meute wieder auf richtigem Wege ist, ertönt abermals „Toch! Toch!“ und „gute Jagd“. Der Schluss der Trainjagd kann auf zweierlei Art ausgeführt werden. Am besten ist es, einen vorher erlegten Hirsch (denjenigen, dessen Schalen man zum Train verwendet hat) an einem passenden Ort aufzustellen. Kommt die Meute heran, so verhindert man durch Zurufe und Peitschenhiebe das Anpacken und bewirkt, dass sie sich vor den Hirsch stellt und ihn verbellt. Nun wird „Hallali“ geblasen, der Hirsch mit dem Hirschfänger umgestoßen oder zum Schein eine Pistole abgefeuert und „Curèe“ gemacht, wie es später bei der wirklichen Jagd vorgeführt werden soll.

Viele halten jedoch den Hirsch für unnötig, und da ein solcher nicht immer vorhanden, so endigt die Trainjagd meist damit, dass der Traineur an einer durch einen Bruch bezeichneten Stelle den Train aufhebt und heimreitet. Sowie die Meute die Witterung der letzten verliert, verstummt sie und fängt zu schwärmen an. Alsdann wird die Fanfare zum Stoppen geblasen, der jüngste Jäger muss die zurückgebliebenen Hunde nachbringen, und in ruhigem Schritt geht es nach Hause. – Gehen wir nun zur eigentlichen Jagd über.

Ist die Fährte eines Hirsches gefunden, so wird sie verbrochen, so zwar, dass das Stammende des Bruches die Richtung andeutet, nach welcher der Hirsch gezogen, die untere Fläche der Blätter aber nach oben zu liegen kommt.

 

Das Bestätigen

Nun legen sich mehrere Piqueure vor die Dickung, in welcher der Hirsch steht, so dass er gesehen werden muss, wenn er heraustritt. Alsdann wählt der Direktor einige der besten Hunde und begibt sich mit ihnen zu der Stelle, wo der Hirsch zu Holz gerichtet ist. Unter dem Zurufe „Toch! Toch!“ läßt er sie nachjagen bis sich der Hirsch von anderem Wildbret abtut und auf einen freien Platz tritt. Die Jäger, die in der Nähe der betreffenden Orte sind, rufen, wenn letzteres geschieht, „Taiaut! Taiaut!“ und versuchen, die Lancierhunde zu stoppen.

 

Das Lancieren

Wenn der Hirsch bestätigt ist, so zieht die Jägerei mit der Meute voraus und die Gesellschaft folgt zu Pferde, bis unfern von dem Orte, wo derselbe zu Holze gerichtet worden. Hier ist es Sache des Direktors, den bestätigten Hirsch genau anzusprechen, zu sagen, wie er heißt, wenn es ein Namenhirsch, vom wievielten Kopfe derselbe jagdbar und was die besonderen Kennzeichen sind etc., damit ihn jeder sofort erkennen kann.

 

Das Anlegen der Meute

Die ganze Meute wird nun nachgebracht und unter den Tönen der Anjagdsfanfare mit dem Zurufe „Volez! volez! mes chiens! | après! après! mes valets, mes amis!“ auf der warmen Fährte angelegt. „Relais“ zu stellen, wie es früher vielfach gebräuchlich war, hat keinen rechten Zweck und ist man neuerdings auch vielfach davon abgekommen. Sorgfältig muß vermieden werden, die Meute an einen angeschweißten Hirsch anzubringen, weil sie in diesem Falle fernerhin nur auf Schweiß jagen will; ebenso darf man sie nicht unter Wind heranfuhren, weil sie dann sehr leicht eher fortjagt als sie soll, was für den Gehorsam höchst nachteilig ist.

 

Die Jagd

Sobald die Meute angelegt, sucht die Gesellschaft auf den Alleen, Schweißen und Gestellen, sowie auf größeren Blößen möglichst oft sich vorzuwerfen, um die Jagd zu kupieren. Inzwischen ertönen abwechselnd, nach den jeweiligen Peripedien derselben, die verschiedenen Fanfaren. Sind die Hunde auf der richtigen Fährte, so wird „gute Jagd“ geblasen und man animiert sie durch „Juchen“. Erblickt einer der Jäger den Jagdhirsch, so ruft er „Taiaut! Taiaut!“ und bläst: „la vue!“ Möglichst oft stoppt man die Meute, um sie in Gehorsam zu erhalten. Wenn die Jagd hierauf weiter geht, wird wieder „gute Jagd“ geblasen etc.

Überschießen die Hunde einen Widergang, so wird „Hourvari! Hourvari!“ gerufen und die betreffende Fanfare geblasen. Geht der Hirsch ins Wasser, so ruft man: „il bat l’eau“ und bläst die Wasserfanfare. Steigt er jenseits aus, muss man den Ort des Aussteigens genau merken, einige Hunde mittelst Kähnen oder zu Pferde hinüberbringen und die Meute stoppen. Am besten geschieht solches am diesseitigen Ufer, event. muss es auf alle Fälle jenseits geschehen, damit die Meute nicht auseinanderkommt.

Jagt dieselbe richtig wieder fort, so wird auf die bereits oben erwähnte Art verfahren, und dauert dieses so lange, bis der Hirsch vor Müdigkeit sich stellt.

 

Das Halali

Sowie der Hirsch sich gestellt, wird der „Fürstenruf“ geblasen, worauf der Jagdherr und die ganze Jagdgesellschaft herbeieilt. Damit bis zur Ankunft derselben nicht zu viele Hunde geforkelt werden, so steigen zwei Piqueure ab und schleichen sich von hinten an den Hirsch heran, um ihm mit dem Hirschfänger die Sehne über den Heesen abzuschlagen. Dieses Abschlagen ist gefährlich, wenn es nicht geschickt gemacht wird, hat sich aber als durchaus nötig zum Schutz der Hunde erwiesen; zumal bei starken Hirschen. Nun erhält durch den Jagdherrn oder durch eine von ihm bestimmte Person der Hirsch den Fang, indem ihm der Hirschfänger ins Herz gestoßen wird; unterdessen entblößen die Jäger die rechte Hand vom Handschuh und lüften den Hirschfänger zwei Finger breit aus der Scheide, es ertönt der Ruf „Halali“ und dann die Fanfare „la mort!“.

 

Die Curèe

Nachdem etwa begangene Fehler an den Missethätern mit dem Blatte gebührend bestraft sind, wird der Hirsch aufgebrochen. Zuvörderst werden der Grund mit dem Gehörn und alle vier Läufe über dem Oberrücken abgelöst. Nachdem die Haut daran durchgeschlitzt, so dass man sie aufhängen kann und der rechte Vorderlauf dem Jagdherrn überreicht worden, gelangen die übrigen Läufe an die vornehmsten Jagdgenossen zur Verteilung. Die anderen Teilnehmer erhalten Brüche, die sich die Jägerei selbst abbrechen muss. Nachdem der Hirsch schließlich zerwirkt und zerlegt ist, die besten Braten beseite gethan sind und man alles übrige klein zerschnitten und mit der Haut zugedeckt hat, wird die Meute herangeführt und unter „Juchen“ und „Curèe-Blasen“ genossen gemacht.

Die abgelösten Läufe stecken die damit beehrten Jäger an den Hirschfänger, und unter schmetternden Fanfaren reitet nunmehr die Jagdgesellschaft, die Meute an der Spitze, nach Hause.

Die Parforcejagd auf Sauen, welche in Ermangelung des immer mehr verschwindenden Edelhirsches an vielen Orten betrieben wird, beruht auf denselben Prinzipien, wie sie bei der Parforcejagd auf Hirsche angeführt sind.

 

Die Quellenangaben liegen der Redaktion vor