Kartoffelkäfer

Die weite Reise des Kartoffelkäfers

Von Ernst-Otto Pieper


Der Kartoffelkäfer mit dem schönen zoologischen Namen Leptinotarsa decemlineata, was so viel heißt wie „Zehnstreifen-Leichtfuß“, gehört bei den Insekten in die große Familie der Blattkäfer.

Seine auffällige Färbung ist eine Warntracht, denn er kann ein Wehrsekret ausscheiden.

Beginn der Reise:

Im mexikanischen Hochland wächst die Büffelklette Solanum rostratum. Es ist ein Nachtschattengewächs, dessen Samen mit kleinen Häkchen versehen sind, mit denen sie im Fell von Säugetieren haften. Die Blätter dieser gelbblühenden Wildpflanze werden von den schwarzgelbgestreiften Kartoffelkäfern und ihren Larven gefressen.

In den 80er-Jahren des 17. Jahrhunderts trieben mexikanischen Viehzüchter ihre Rinderherden nach Norden, um sie in Texas zu verkaufen. Nicht selten hafteten die Samen der Büffelklette im Fell der Rinder und so konnte sich die Pflanze Richtung Norden verbreiten. Im dichten Fell der Bisons fand die Klette eine weitere Reisemöglichkeit, so dass sie bald entlang der Wanderwege der damals noch riesigen Bisonherden bis nach Colorado, Iowa und Nebraska zu finden waren. Der Käfer folgte seiner Futterpflanze.

1819 entdeckte der Naturforscher Thomas Say den Käfer bei einer Expedition in die Rocky Mountains und nannte ihn nach dem Bundesstaat, in dem er ihn gefunden hatte, Colorado beetle (Coloradokäfer).

Auch die Kartoffel, Solanum tuberosum, war zu jener Zeit auf Reisen. Wann, wie und durch wen die Kartoffel nach Europa kam, ist bis heute nicht genau geklärt. Auf ihrem Weg von Südamerika erreichte sie zunächst Spanien (wohl 1562 Teneriffa), 1596 England und Mitte des 16. Jahrhunderts die Niederlanden, Italien und Burgund. Der Anbau in großem Stil begann 1684 in Lancashire, 1716 in Sachsen, 1728 in Schottland, 1738 in Preußen und 1783 in Frankreich.

1719 wurde sie von irischen Einwanderern in die USA mitgebracht, wo sie mit dem Vormarsch der weißen Siedler Mitte des 19. Jahrhunderts das Verbreitungsgebiet der Büffelklette und damit auch den Lebensraum des Coloradokäfers erreichte.

Rasch hatte sich der Käfer an die neue (ebenfalls Nachtschattengewächs), in großen Mengen verfügbare Nahrung, angepasst. Es entstanden zwei Käferrassen, die sich in ihrer Fruchtbarkeit stark unterscheiden: während die Käferweibchen an der Büffelklette nur ca. 20 Eier ablegen (gelbe Larven), legt das Weibchen der Kartoffelrasse in einer Woche 800 bis 2000 Eier (orange Larven) verteilt auf mehrere Kartoffelpflanzen ab.

1877 tauchte der Kartoffelkäfer erstmals in Europa auf und zwar in den Hafenanlagen von Liverpool und Rotterdam. In Deutschland sind die ersten Funde für Mülheim am Rhein und Torgau in Sachsen ebenfalls für 1877 belegt. 1922 vernichtete der Käfer 250 qkm Kartoffelbestände um Bordeaux. Seine weiteren Stationen: 1935 Lothringen und Belgien, 1936 Luxemburg. Von nun an breitete er sich mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 30 km pro Jahr nach Osten aus. 1945 gelangte er an die Elbe (ich erinnere mich noch gut daran, dass wir im Holsteinischen in den 50er Jahren als Schüler schulfrei bekamen, um Kartoffelkäfer und ihre Larven von den Kartoffeln zu sammeln), 1950 an die Oder. 1960 hatte er Polen durchquert und die damalige UDSSR erreicht.