Waldrapp

Geronticus eremita LINNAEUS, 1758

von Ernst-Otto Pieper

Ordnung:      Schreitvögel (Ciconiiformes)

Waldrapp; Foto: E.-O. Pieper

Familie:         Ibisse und Löffler (Threskiornithidae)
Unterfamilie: Ibisse (Thereskiornithinae)
Art:               Waldrapp

Auch:           Schopfibis, Mähnenibis, Steinrapp, Waldhopf, Klausrapp, Klausrabe, Nachrabe, Scheller, Glöckner, Meerrapp und viele mehr.

Kennzeichen:

  • Gestalt wie Sichler
  • Kopf und Kehle fleischfarben und unbefiedert
  • Gebogener rötlicher Schnabel
  • Nackenfedern schmal und zu einer Mähne verlängert
  • Gefieder schwarz, metallisch grün schillernd
  • Stämmige rote Beine
  • Kein ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus (Weibchen etwas kleiner als Männchen)

Größe:

  • Gewicht bis zu 1,5 kg

Natürliches Vorkommen:

  • Einst in Spanien, Frankreich, Süddeutschland, Ungarn, Österreich und der Schweiz sowie im Westen des Balkans häufiger Vogel
  • Aufgrund intensiver Bejagung (Wildbret galt als Delikatesse) im 17. Jahrhundert in Mitteleuropa ausgestorben
  • Heutige Wildvorkommen: Souss-Massa-Nationalpark in Marokko mit weniger als 100 Brutpaaren. Ein weiteres Vorkommen in Birecik in der Provinz Sanliurfa in der Türkei. 2002 wurde eine Kolonie in Palmyra, Syrien entdeckt, die aus zwei Brutpaaren und drei subadulten Vögeln bestand.

Biotop:

  • Steppenartiges Gelände mit steilen Felswänden mit Höhlen und Klüften in unmittelbarer Nähe von Gewässern

Lebensweise:

  • Lebt sehr gesellig in Kolonien
  • Brutstimmung entsteht erst in Kolonien
  • Ausgedehntes Begrüßungsritual. Das Grüßen eines Pärchens löst in der gesamten Waldrapp-Kolonie das Grußritual aus und ist nicht auf die Balz- und Paarungszeit beschränkt
  • Ausgeprägtes Sozialverhalten mit sehr starker Familienbindung (Jungtiere lernen viele Verhaltensweisen von Eltern und anderen Kolonie-Mitgliedern)

Wanderungen:

  • Zugvogel (Jungvögel müssen die Flugstrecke zum Überwinterungsort gezeigt bekommen)

Besonderheiten:

  • Im alten Ägypten galt der Waldrapp als Lichtbringer und Verkörperung des menschlichen Geistes.
  • Im Islam Glücksbringer
  • Erste ornithologische Beschreibung 1557 durch den Schweizer Naturforscher Konrad Gesner (1516 bis 1565)

Stimme:

  • Gruh, grup und juk juk

Fortpflanzung:

  • Koloniebrüter sind ab 3. bis 4. Lebensjahr brutfähig

Art der Ehe:

  • Saisonehe

Nest:

  • Beide Geschlechter bauen ein Nest aus Zweigen, Gras und Blätter
  • Brutkolonien in Felswänden und Steilküsten

Brut:

  • Eine Jahresbrut
  • Ab Mitte März Nestbau
  • 2 bis 4 Eier
  • Ausfallen nach 27 bis 28 Tagen
  • Fütterung der Jungen auch durch andere Alttiere
  • Flügge nach 46 bis 51 Tagen (meist Anfang Juni)
  • Jungvögel verbleiben noch längere Zeit bei den Eltern, um die Nahrungssuche zu erlernen

Alter:

  • Lebenserwartung 30 bis 40 Jahre

Nahrung:

  • Insekten, Würmer, Schnecken, Spinnen, selten kleine Wirbeltiere, pflanzliche Nahrung
  • Suche der Nahrung durch stochern mit dem Schnabel im Boden. Insbesondere auf Feuchtwiesen, Uferböschungen und Weiden.
  • In den Lebensräumen der letzten Wildpopulationen ist er während der Nahrungssuche auch in Trockensteppen und Halbwüsten zu sehen

Verluste:

  • Kultivierung von Nahrungsflächen
  • Wilderei
  • Störungen durch Einheimische und Touristen